Vom Helfen…
Hilfe im Sinne der Hilfsbereitschaft ist ein Teil der Kooperation in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie dient dazu, einen erkannten Mangel oder eine änderungswürdige Situation zu verbessern. Der Hilfe geht entweder eine Bitte des Hilfebedürftigen oder eine von ihm unabhängige Entscheidung durch Hilfsbereite voraus. (Zitat aus Wikipedia)
Gestern Abend, 1 Uhr, Bundesstraße 20, Pilsen in Richtung Straubing. Nach einem eher erfolgslosen Casino-Abend in der Tschechischen Republik bin ich, zusammen mit zwei Freunden, unterwegs zurück in Richtung Heimatstadt. Die Stimmung ist ruhig. Jeder ist müde.
Nach 15 Minuten Fahrt blendet uns ein entgegenkommendes Fahrzeug auf. “Hab doch auf Abblenden, Arschloch”, hört man es aus dem Mund meines Fahrers. Keine zwei Minuten später das gleiche Spiel wieder. Lichthupe. “Die werden doch jetzt um die Uhrzeit nicht mehr blitzen?”, fragen wir uns gegenseitig. “Oder vielleicht ein Unfall?”, werfe ich ein. “Ja, ich tu mal langsamer”, kommt die Antwort vom Fahrersitz.
Und wirklich. Hinter der nächsten Kurve steht ein Tanklaster mehr oder weniger schief auf der Straße. Ich steige aus und gehe in Richtung Fahrerkabine. Sie ist leer. Weit und breit kein Fahrer auszumachen. Auch der LKW ist nicht beschädigt. “Puh, Glück gehabt”, will es schon fast in mir aufkommen, als ich plötzlich sehe, wo der Lenker des LKW ist. Er ist ca. 15 Meter von seinem Gespann entfernt im Wald und steht neben einem BMW, der auf der Seite liegt. “Ach du Scheiße”. Für mehr Denkleistung reicht es im Moment nicht. Mein Zivildienst ist dann doch schon 1,5 Jahre her, aber bis heute fahre ich im Rettungsdienst. Trotzdem. So einen Unfall habe ich in der Stadtrettung auch noch nicht gesehen.
Ich begebe mich zum Unfallfahrzeug, vergewissere mich, dass der Notruf abgesetzt wurde, fordere noch zur Nachalarmierung Feuerwehr und Notarzt auf und bekomme vom Trucker die Rückmeldung, das alles unterwegs ist.
Im Fahrzeug befinden sich zwei Personen. Der Fahrer und eine Beifahrerin. Auf eine nähere Beschreibung verzichte ich an dieser Stelle. Ich bitte um Verständnis. Nur so viel: Ich halte in den kommenden 10(?) Minuten den Kopf der Beifahrerin stabil und rede derweil mich dem Fahrer, um ihn weitgehend zu beruhigen. Das Gegenteil von dem, was ich ihm erzähle, sehe ich vor meinen eigenen Augen. Trotzdem. Jede weitere Aufregung vermeiden. Meine Freunde und der Trucker stehen auch mit am Unfallfahrzeug. Der Raum zum Helfen ist jedoch begrenzt und jeder, inklusive mir, auf seine eigene Art hilflos, weil man eben nicht mehr machen kann, als eh schon gemacht wird.
Inzwischen ist auch die Polizei da und hinzugekommene Ersthelfer bemühen sich um die Verunfallten. Keine Chance. Der Gurt des Fahrers ist auf Zug und ein Rausklettern durch die Fahrertür nicht möglich. Ich bin heilfroh als der RTW vorfährt und der verantwortliche Rettungsassistent der Beifahrerin die Stif-Neck (Halskrause) anlegt und den Kopf übernimmt.
Dieser Unfall hat mir gezeigt, wie schnell man selbst dazu gehören kann und wie sehr man sein Leben schätzen sollte. Die zwei hatten, schaut man sich die Bilder vom Unfallort an, großes Glück und auch der Gurt hat mit Sicherheit Leben gerettet. Ich habe auch gesehen, wie aufgeschmissen man in so einer Situation ist. Ich hatte nichts außer ein paar billigen Latexhandschuhen und mein Wissen / meine Erfahrung aus der Ausbildung zum Rettungssanitäter. Ich habe hier sicher nicht mehr geholfen, als ein anderer Laienhelfer. Einfach, weil es nicht ging. Ich und die anderen Helfer hatten keine Möglichkeit, die Beiden aus dem Auto zu holen. Aber ich war zusammen mit meinen Freunden und dem LKW-Fahrer einfach da. Wir haben angehalten und unser Bestmögliches getan… und sind nicht wie die entgegenkommenden Autos vorbei gefahren.
Unterlassene Hilfeleistung ist ein Straftatbestand. Aber das ist hier nicht wichtig. Unterlassene Hilfeleistung ist einfach asozial und zumindest mit meinem Gewissen in keinster Weise vereinbar. Schau nicht weg! Der Nächste, den es treffen könnte, bist vielleicht Du. Im Übrigen lagen keine 10 Meter von der Unfallstelle frische Blumen und Grablichter von vor wenigen Tagen… ich hoffe, dass es die Beiden gut überstehen.
P.S. Hier der (nicht ganz richtige) Bericht der MZ.
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Tags: B20, Bundesstraße, Pilsen, Straubing, Trebersdorf, Unfall
April 10th, 2010 at 10:55
Das Natürlichste der Welt (find ich da) zu helfen. Andererseits erschreckend, wie viele Leute vorbeigefahren sind (Lichthuper)…
April 10th, 2010 at 11:03
Ja… die Meisten haben wohl (die unbegründete) Angst, etwas falsch zu machen. Traurig.
April 10th, 2010 at 11:10
Egal was man macht, solange man was macht braucht man nix zu befürchten. Zu Recht. In Amerika is das anders. Aber wir sind ja nicht beim Ami…
April 10th, 2010 at 11:11
Ja Amerika… brauch ma ned reden. Der besondere Schutz von Menschen, die Hilfe leisten ist die Grundvoraussetzung, dass sich das überhaupt jemand aufbürdet.
April 10th, 2010 at 13:49
Respekt ist alles was man dazu sagen kann…
Als sehr aktives Mitglied einer Freiwilligen Feuerwehr im Landkreis Regensburg war ich bereits öfters bei schweren Verkehrsunfällen vor Ort!Helfen ist auch für mich eine Selbstverständlichkeit!Allerdings ist es ein großer Unterschied ob man mit 30 Leuten einer eingespielten Feuerwehrgruppe nachts an eine Unfallstelle zu kommen oder alleine ohne Unterstützung und vorallem ohne Hilfsmittel!
April 10th, 2010 at 14:06
Auf was bezieht Ihr Euch, wenn es um die USA geht?
April 10th, 2010 at 17:10
TJ: Da hast kein Ärger wenn Du nicht hilfst. Aber wenn Du hilfst und es geht was schief kann man Dir gehörig an die Eier gehen. Das ist übel…