Der ganze Sozialkram
Vor wenigen Wochen hat nicht viel gefehlt und meine Familie wäre in Richtung Hartz4 geschlittert. Und dennoch vertrete ich nach wie vor die Meinung, dass die Sozialleistungen in Deutschland nicht weiter steigen dürfen. Warum das so ist, möchte ich in der folgenden ausformulierten Gedankensammlung beschreiben.
In den vergangenen Monaten ist mir aufgefallen, dass Hartz4 immer mehr als Dauerzustand denn als Übergang gesehen wird. Mir ist klar, dass es hier und da Härtefälle gibt, dass alleinerziehende Mütter im jetzigen System echt am Arsch sind und das in diesem Land die Sozialpolitik alles andere als gut läuft. Mir ist klar, dass Verallgemeinerungen gerade im sozialen Bereich fehl am Platze sind, aber wie so oft kann man Sachverhalte nur vereinfacht und klar darstellen, wenn man eben jene Verallgemeinerungen heran zieht.
Mein Vater ist Baujahr 55, wurde letztes Jahr gekündigt, da sein Arbeitgeber in finanziellen Schwierigkeiten war und war somit auf dem besten Wege mit meiner Mutter und mir in Richtung “Sozialfall” abzudriften. Dennoch ließen wir uns nicht hängen und schon wenige Monate später hatte er einen neuen Job. Nicht weil er Glück hatte, sondern weil er sich seine eigene Stelle geschaffen hat und seinem neuen Arbeitgeber vermittelt hat, dass er genau ihn brauchen kann. Er hat gekämpft.
Mein Vater ist genau genommen “ein Ungelernter”. Abitur, im Studium der BWL kurz vor dem Diplom hingeschmissen und dann in den Arbeitsmarkt eingestiegen. Vertreter, Verkäufer, Sachbearbeiter. Alles Stellen, die er in seinem Leben durchlaufen hat. Sein neuer Arbeitgeber ist froh, dass er einen erfahrenen Mitarbeiter in seinem Unternehmen begrüßen kann. Die Arbeit, die früher die Verkäufer ca. 2-3h pro Tag “nebenbei” erledigt haben, übernimmt ab sofort er. Der Vorschlag kam von meinem Vater selbst, weil er gesehen hat, dass damit eine Optimierung möglich ist. Das Ende vom Lied ist, dass sämtliche Verkäufer auf einen kleinen Anteil ihrer Provision verzichten, somit seinen Arbeitsplatz finanzieren, und am Ende des Monats aufgrund erhöhter Verkaufszahlen trotzdem besser gestellt sind als früher. Win-Win-Situation nennt das der Ökonom.
Wenn mein Vater mit seinen 56 Lenzen vermeintlich einfach wieder in den Job einsteigen kann, kann mir zeitgleich kein 25-Jähriger erzählen, dass er keinen Job findet. Die Deutschen haben sich an das soziale Netz gewöhnt. Die Deutschen nehmen keine Arbeit mehr für 8€/Stunde auf. Die Deutschen können sich sicher sein, dass die wenigen Dummen, die noch arbeiten, für sie sorgen werden.
Die derzeitige wirtschaftliche Situation ist mehr als schwierig, die Entscheidungen der derzeitigen Regierung sind unpopulär und dennoch sind auch Einschnitte im sozialen Bereich notwendig wenn man sieht, dass der Anteil an Sozialleistungen mittlerweile mehr als 50% beträgt.
Zur Zeit werden viele Möglichkeiten geprüft, um Ausgaben zu senken und so die Schuldenlast zu drücken. Eine Beteiligung der Besserverdienenden ist meiner Meinung nach unverzichtbar, solange sich die Besteuerung in einem erträglichen Umfang bewegt. Ich sehe die Sache realistisch und vor allem auch rational. Wenn jemand besser verdient, dann soll er auch was davon haben. Nicht umsonst verzichtet der Besserverdiener jahrelang auf ein Einkommen während er z. B. studiert.
Das propagierte linke Bild von der finanziellen Gleichheit aller Menschen ist nicht mehr als ein Wunschdenken dieser Gruppierungen. Warum sollen die vermeintlich Reichen so viel abgeben, dass die ganze Bevölkerung auf eine Stufe gestellt wird? Eigenverantwortung ist hier das Stichwort. Jeder ist seiner Glückes Schmied und trotz aller Widrigkeiten auf dem Weg zur finanziellen Unabhängigkeit kann man es schaffen. Ich bin selber kein “Akademikerkind”, aber ich kämpfe für meine Ziele, anstatt immer pauschal zu meckern. Ich hänge mich rein und wenn das jeder so machen würde, hätte Deutschland weniger Probleme. Arsch hoch!
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Tags: Hartz4, Kürzungen, Politik, Sozialleistungen
Juni 15th, 2010 at 08:12
Mal wieder ein guter Artikel von dir (soll nicht heißen, dass die anderen nicht gut sind; aber du triffst meine Meinung meist mit der Faust auf’s Auge).
(Ich wage aber zu behaupten, dass es nicht jeder beim kämpfen leicht hat und dass nicht jeder willensstark ist. Es gibt auch welche, die nach 1 oder 2 Jahren Arbeitslosigkeit das Handtuch schmeißen. Finde ich nicht gut und kann ich nicht verstehen – weil ich eben willensstark bin und mir die Leute einfach nur leid tun – aber: Wie siehst du das?)
Juni 16th, 2010 at 08:11
Dass mit andauernden Rückschlägen die Motivation sinkt, sich ein weiteres Mal hinzusetzen und eine Bewerbung zu schreiben, ist ein ganz natürlicher Vorgang. Und trotzdem: es führt kein Weg dran vorbei.
Juni 16th, 2010 at 08:37
Das heißt, wer nicht willensstark genug ist, hat einfach Pech gehabt und soll nicht von den Steuerzahlern unterstützt werden (mal überspitzt ausgedrückt)?
Ich gebe dir Recht: “In den vergangenen Monaten ist mir aufgefallen, dass Hartz4 immer mehr als Dauerzustand denn als Übergang gesehen wird.” – Und es nervt!
Juni 16th, 2010 at 08:59
So radikal sehe ich es auch wieder nicht. Dennoch sollte jemand, der nachweislich bemüht ist wieder in die Arbeitswelt einzusteigen länger und besser unterstützt werden, wie derjenige, der sich mit dem Ist-Zustand zufrieden gibt.
Juni 16th, 2010 at 22:57
jetzt muss ich doch auch mal eingreifen.
dass sich arbeit lohnen muss, ist klar. dass es aber schon immer und bis ans ende der welt menschen geben wird, die keine lust haben zu arbeiten ist auch klar. dass dann genau dieser minimale prozentsatz anlass zur diskussion gibt steht außer frage, lässt eben jene diskussion aber gerne abdriften…
was ich noch zu deinen ausführungen ergänzen möchte: gerne arbeitslos sind nicht alle arbeitslosen, eigentlich die wenigstens; die meisten versuchen aus dieser miesere herauszukommen – aber wer stellt einen 54-jährigern dachdecker mit rückenbeschwerden ein? dass sich das krankheitsbild aber im laufe des berufslebens ausbilden wird steht außer frage, dass er irgendwann damit nicht mehr arbeiten kann auch. will der mann hartz iv? eher nicht. er wird alles tun, um arbeiten zu können. wird er nen bürojob kriegen? wohl eher nicht, weil da gibts ausgebildete leute, die jünger sind und weniger geld wollen.
weißt du was ich meine? machs dir nicht so einfach wenn du über arbeitslose redest; rauskommen wollen und es tatsächlich tun sind zwei verschiedene dinge und bei vielen kann ich als staat unterstützen soviel ich will, da hilft alles nix mehr.
dass auf der anderen seite diejenigen, die es sich im sozialen netz seit generation bequem gemacht haben, zu einem gewissen teil ein problemfall sind steht außer frage. die maßnahmen hierfür sind aber…schwierig? und wohl auch eher in der bildungsplitik zu verorten…
arbeitest du für 8 euro in der stunde? ich ja. aber gott bewahre, wenn ich mal groß bin, dann nicht mehr. 8 euro… überleg mal, was davon netto übrig bleibt, dann zahle miete und lebensmittel und dann frag dich, wovon du die kaputte waschmaschine bezahlen sollst!
wenn du vom propagierten linken bild von finanzieller gleichheit sprichst, weiß ich ehrlich gesagt nicht, was du meinst…
Juni 17th, 2010 at 12:36
aber wer stellt einen 54-jährigern dachdecker mit rückenbeschwerden ein? dass sich das krankheitsbild aber im laufe des berufslebens ausbilden wird steht außer frage, dass er irgendwann damit nicht mehr arbeiten kann auch. will der mann hartz iv? eher nicht. er wird alles tun, um arbeiten zu können. wird er nen bürojob kriegen? wohl eher nicht, weil da gibts ausgebildete leute, die jünger sind und weniger geld wollen.
Dass Menschen, die aus dem Feld der körperlich schweren Arbeit kommen eher an körperlichen Gebrechen Leiden, steht außer Frage. Dem kann man aber entgegnen, wenn man während der Erwerbszeit privat zusätzlich vorsorgt. Wenn man bei BMW am Band steht muss man auch hart arbeiten und kann davon ausgehen, dass es ein gewisser Prozentsatz nicht bis zur Rente schafft. Gleichzeitig verdienen die BMWler aber überdurchschnittlich gut und könnten etwas beiseite legen für später.
Kann natürlich wie so oft nicht auf alle Branchen übertragen werden, aber wäre doch einmal zumindest für manche ein guter Ansatz?
Das mit der finanziellen Gleichheit meine ich dahingehend, dass jetzt oft die Forderung kommt, dass die Besserverdiener auch an der “Krise” beteiligt werden sollen. Dem stimme ich ja uneingeschränkt zu, aber oft gehen die Forderungen dahin, dass die starken Schultern übermäßig viel beisteuern sollen. Das sehe ich nicht so, denn eben jene Besserverdiener haben im Umkehrschluss jahrelang auf ein Einkommen verzichtet und haben dann, wenn sie mit Mitte bis Ende 20 in den Beruf einsteigen, meiner Meinung nach ein berechtigtes Interesse auch mehr zu verdienen.
Juni 17th, 2010 at 14:09
ich denke nicht, dass du von einem dachdecker, der maximal 9 monate im jahr arbeitet und sozialversicherungspflichtig angestellt ist, der wohl mit 1400 euro netto heim geht und im winter arbeitslos ist, erwartet kannst, dass der gute auch noch privat vorsorgt.
als student verzichtest du nicht nur auf ein einkommen, du kostest dem staat auch noch ziemlich viel geld (studiengebühren hin oder her) und dass studenten im beruf so viel mehr verdienen als ein facharbeiter darf wohl auch bezweifelt werden. dass es in jeder berufsgruppe spitzenverdiener gibt steht dabei aber gleichermaßen außer frage… die starken schultern für den staat ist aber weiterhin der mittelstand, deswegen hat ja zB Polen auch nicht so schwer an der krise zu knabbern wie deutschland. also ist die aktuelle politik, die mittelschicht für alles zahlen zu lassen, genau der falsche weg. außerdem weißt du selbst, dass du den spitzensteuersatz nicht für dein gesamtes einkommen zahlst UND wenn du irgendwann mal in der situation bist ihn zahlen zu müssen, sag bescheid
Juni 17th, 2010 at 19:27
Ich habe ja ausdrücklich betont, dass diese Überlegungen NICHT auf jede Arbeitergruppe übertragbar sind. Wären alle Probleme trivial zu lösen, hätten die Politiker wohl nen leichteren Job.
Fakt ist, dass viele der Vorschläge die da von den bekannten Populisten kommen nichts bringen außer Wählerstimmen aus der bildungsfernen Bevölkerungsschicht und eine Schwächung der gesamten Wirtschaft. Worin das resultiert sieht man bei den Agenturen für Arbeit…
Ich empfehle übrigens noch den artikel unter http://www.freitag.de/wochenthema/1024-die-geister-sparer … nicht unbedingt meine Meinung, aber eine sehr interessante Sichtweise.
Juni 25th, 2010 at 02:44
Jetzt vermute ich auch, wer diese Regierung gewählt hat. Ich wünsche jedem, der Deine Meinung vertritt ALG 2 mit allen “Vor- und Nachteilen”. Nur so: Damit man mal weiß, wovon man redet. Folgende Platitüden zum Thema “ALG 2″ empfehle ich für einen weiteren Beitrag:
“Wer arbeiten will findet auch Arbeit.”
“Die wollen gar nicht arbeiten.”
“Wer nicht arbeitet, soll auch nichts essen.”
“Sollen se doch im Winter Schnee schippen oder gemeinnützigeArbeit leisten.”
Juli 6th, 2010 at 15:03
“Wer arbeiten will findet auch Arbeit.”
Richtig. Wer natürlich immer dem absoluten Traumjob mit 10h-Woche und 4350€ netto hinterherhechelt der nicht.
“Die wollen gar nicht arbeiten.”
Trifft mit Sicherheit bei einem bestimmten Prozentsatz zu. Vor allem bei denjenigen, die in 3. und 4. Sozialhilfegeneration leben.
“Wer nicht arbeitet, soll auch nichts essen.”
Steht wo? Man darf auch die Kirche im Dorf lassen.