Marco Wanderwitz, seines Zeichens Mitglied der CDU, hat einen super geistreichen Vorschlag in die Diskussion eingebracht, den er gleich wieder mit einem “die Frage muss wohl erlaubt sein” entkräftet hat. Dicke, fettleibige oder auch vollschlank genannte Personen sollen zukünftig mehr in die Krankenversicherung einzahlen. Grund: Die höhere Erkrankungswahrscheinlichkeit.
Blöd für den Mann ist, dass gerade die Debatte um Krankenkassenbeiträge eine sehr emotionale ist. Doch wie sieht es aus wirtschaftlicher Sicht aus?
Rein ökonomisch betrachtet ist eine “faire Versicherung” diejenige Versicherung, die eine Prämie in Höhe der Erkrankungswahrscheinlichkeit erhebt. Demnach müsste ein Raucher mehr als ein Nichtraucher, ein Übergewichtiger mehr als ein Spargeltarzan und ein Homosexueller mehr als ein Heterosexueller in den Versicherungspool beisteuern. Klingt scheiße? Ist es auch, wenn man den Fokus auf den Sozialstaat legt.
Wer dafür ist, dass so ein System eingeführt werden sollte, der kann gleichzeitig der Kopfpauschale, wie sie von CDU und FDP gefordert wird, nicht widersprechen. Eine Kopfpauschale wäre gesamtwirtschaftlich ebenfalls besser, als das derzeitige prozentuale Beteiligungssystem. Das “Problem”, wie auch schon oben, ist der Sozialstaat. Entweder man entscheidet sich für ein solidarisches System oder eben nicht.
Doch zurück zu der “fairen Versicherung”. Wo ziehen wir die Grenze? Müssen Frauen aufgrund ihrer gesteigerten Lebenserwartung mehr zahlen als Männer, behindert geborene Menschen mehr als “Normalos”, Hauptschüler (da sie statistisch gesehen öfter Raucher sind) mehr als Studenten? Und was ist eigentlich mit den Jugendlichen?Horrormeldungen berichten von 25% Komasäufern in der Generation der 10-12 Jährigen. Deren Eltern sollen auch gleich nochmal 5% drauf legen, für den Fall, dass eine Ausnüchterungsnacht fällig wird?
Die von Wanderwitz angestrebten Sanktionen sind kontraproduktiv. Nicht nur auf der Emotionsebene, wo sie für Empörung auf ganzer Linie sorgen, sondern auch hinsichtlich der Umsetzbarkeit. Wer überwacht denn, ob der angebliche Nichtraucher auch nicht raucht, wer überwacht denn, ob ich wirklich nur Auto, nicht aber 250ccm Motorrad fahre, wer kann bezeugen, dass ich nicht regelmäßig kokse?
Die Beobachtbarkeit von Versicherungsrisiken beziehungsweise die nicht symmetrische Information über Gefahrenquellen / Verhalten macht eine Umsetzung genau dieses Vorschlages auch abseits der “Ist das sozial gerecht?”-Debatte schier unmöglich. Besser wäre es wohl, weiterhin Bonusprogramme voranzutreiben. Wer regelmäßig zur Vorsorge geht, bekommt etwas zurück, wer nachweist, dass er aktiv Sport treibt, bekommt etwas zurück, usw. Allein das Wort “Bonusprogramm” ruft ganz andere Assoziationen in den Köpfen der Menschen hervor, als Kontruktionen wie “Strafe für Fettleibige”. Das Ziel, die Kosteneinsparung bei den Krankenkassen, kann auf dem einen, wie auf dem anderen Weg erreicht werden.
Zumindest in der Theorie.